Die Gäste voll, die Gläser leer
Von Albert Kuhn

Das beste Berliner Orchester kommt aus Zürich, und Berlin weiss es nicht. Nicht mal halb Zürich.


Komisch, tragisch, traurig, egal: Rotlicht, Sauerkraut und Sarkasmus umwehen diese freiwillig überlebte Truppe, sie spielen Akkordeon, Querflöte, Kontrabass und - parbleu - die olle Violine gar! Aber keine Angst: Die tun nur so. Sein, so der Name, könnten ebenso gut Death Metal machen. Sie ziehen es einfach vor, ihre taffe Sache aus einem gewissen Hintergrund anzugehen. Oder müsste man sagen: Hinterhalt?
Mit einem geschickt existenzialistischen Dreh hat sich Sein in die zwanziger und dreissiger Jahre geschmuggelt und beäugt von da die Geschehnisse und Betrübnisse von heute. Der Verfremdungseffekt funktioniert Song für Song. Sängerin Musu Meyers teilnehmende Nachtbeobachtung durchdringt ihr Anschauungsmaterial erbarmungslos. Die Zeilen sind häufig sagenhaft lustig - aber der Refrain bleibt solid morbid: «Ja, das Ende ist nah, das Ende ist nah. Schau, schon steht es da, ja, schon steht es da.» Heissa.
Eines der vielen Kabinettstücklein ist «Keiner liebt dich wie Mami». Man sieht die Sängerin vorm schreienden Kind bei der Wickeltortur, bei der Einlöffeltortur, bei der Neinsag-Tortur. Dann wird das Baby ein Teen, kommt «bemalt wie eine Hafenhur'» vom Ausgang heim, statt zu Kims Halloween sollte sie doch besser zu Chantals Volleyball. Findet Mami. Wenig später stehn die Burschen an, locken per Moped in die Disco - und Mami sieht's kommen: «Hör zu, mein Schatz, das ist der alte Trick, schau ich sie an, senkt sich ertappt ihr Blick. Zwei Stunden später, das kenn ich zu gut, liegt ihr im Bett und wisst nicht, was ihr tut.» Der Song endet im Altersheim, das Kind kommt hin und wieder vorbei, löst den Pfleger ab und dann: wickeln, einlöffeln...
Es ist kein Jahr her, da ist Sängerin Musu Meyer einer Lungenentzündung anheimgefallen, und die Musik war fast aus. Da entschied sich die Band, nichts abzuwarten, sondern einfach weiterzuarbeiten an den Songs. Dies hat wohl bis hinter die Plastikvorhänge der Intensivstation gewirkt. Als die Sängerin aus dem Jenseits wieder auftauchte, war ihre erste Frage: «Scheisse, wir haben hoffentlich keine Konzerte absagen müssen?» Auch im Spitalhemd eine Lippe kesser als der Rest.

Der Titelsong ist der letzte. Er spielt nicht mehr in Brunos Bar-denn die ist zu, der Rauch verweht, der Schnaps alle, Rotz und Scherben aufgewischt. Man steht jetzt in Harrys Trinksalon, einem anonymeren, herzloseren, dafür teureren Ort. Es bleibt ein letzter Dialog, ganz in Weiss.
Sie: Zigarette?
Er: Mhm.
Sie: Ganz schön kalt hier. Er: Ja.
Sie: Aufm Land - da ham sie wenigstens richtigen Schnee. Warum ist der auch weiss? Er: Was?
Sie: Ja, der Schnee. Warum ist der ausgerechnet weiss? So 'ne heikle Farbe... Er (mürrisch): Na komm, gehn wir.